Intermedialität

Parent page: Einführung

Der Begriff der Intermedialität bezeichnet als „Hyperonym […] die Gesamtheit aller Mediengrenzen überschreitenden Phänomene“ (1) und konzeptualisiert insbesondere Beziehungen zwischen „konventionell als distinkt angesehenen“ (2) Medien und Medienelementen. Je nach Theorie- und Untersuchungskontext wird der Intermedialitätsbegriff in unterschiedlichen Bedeutungen verwendet, ohne dass sich in der Intermedialitätsforschung eine einheitliche Grunddefinition etabliert hätte. Irina O. Rajewsky bezeichnet den Begriff der Intermedialität aufgrund seiner zahlreichen Verwendungsweisen in Anlehnung an Umberto Eco auch als „termine ombrellone“ (3).

Historisch betrachtet ist Intermedialität, trotz des erst seit den 80er Jahren unter diesem Schlagwort erstarkenden wissenschaftlichen Interesses, kein junges Phänomen: Bereits die Ekphrasis, die textliche Beschreibung von Gemälden, das Drama, die Oper oder trompe l‘œil-Effekte in der Freskenmalerei weisen Merkmale des Intermedialen auf. (4)

Mit Rajewsky lassen sich dennoch drei grundlegende „Phänomenbereiche des Intermedialen“ (5) unterscheiden: (6)

Medienkombination, verstanden als Verbindung mindestens zweier konventionell als distinkt wahrgenommener Medien, etwa in der Oper oder im Film. Dieser Phänomenbereich wird im wissenschaftlichen Diskurs auch unter Schlagworten wie Multimedialität oder Polymedialität behandelt. Forschungen zur Medienkombination erfragen u. a . die Intensität der Verbindung zwischen den beteiligten Medien: So gehen die in der visual music oder anderen Beispielen der Klangkunst filmische und musikalische Ausdruckweisen eine Synthese ein, während z. B. ein Fernseher, der im Hintergrund des Bühnenbilds eines Theaterstücks einen Film abspielt, ohne darüber hinaus gehend in das Stück eingebunden zu sein, ein Beispiel einer bloßen Kontiguität von verschiedenen Medien darstellt. Im Fall der visual music oder anderen Spielformen der sogenannten Medienkunst kann die Medienkombination dazu führen, dass sich neue „Kunst- und Mediengattungen“ herausbilden. (7)

Medienwechsel: Literaturverfilmungen, die einen Wechsel vom Ausgangsmedium der Literatur in das Zielmedium des Films beinhalten, stellen das klassische Beispiel für einen Medienwechsel dar: Ein in Medium A realisiertes Produkt wird in einem Medium B, das einem anderen semiotischen System zugeordnet werden kann, umgesetzt. Gerade dieser Wechsel des semiotischen Systems wirft eine Reihe von Fragen auf: Unter der Annahme, dass die narrative Struktur sowie zumindest einige der verwendeten Ausdrucksformen im Prätext „medienspezifisch fixiert[..]“ (8) sind, lässt sich fragen, wie (und ob) diese Elemente im Zielmedium transformiert oder umgesetzt werden (können).

Intermediale Bezüge: Hier wird in Analogie zu dem Begriff der Textreferenz aus der Intertextualitätsforschung untersucht, auf welche Weise Produkte eines bestimmten Mediums auf Produkte aus anderen Medien Bezug nehmen. Im Unterschied zu intertextuellen Bezügen – die aus Sicht der Intermedialitätsforschung auch „intramedial“genannt werden können – findet hier eine Überschreitung der Mediengrenzen statt. Dies wirft die Frage auf, wie eigentlich ein Medium Elemente oder Strukturen aus einem anderen Medium aufgreifen (thematisieren, simulieren, reproduzieren) kann. (9) Im Bereich der intermedialen Bezüge lässt sich der Einfluss anderer Medien auf die Arbeit von Künstlern nachvollziehen. So gilt z. B. Alfred Döblins Roman Berlin Alexanderplatz von 1929 als eines der frühen herausragenden Beispiele einer filmischen Schreibweise (10), die die Montagetechniken des zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch jungen Mediums des Films aufnimmt und mithilfe einer fragmentarischen Schreibweise und narrativen Struktur zu imitieren versucht.

Typologie der Intermedialität nach Werner Wolf

Der Grazer Literaturwissenschaftler und Intermedialitätsforscher Werner Wolf entwirft eine Typologie der Intermedialität, die insbesondere in Kombination mit Rajewskys Kategorien eine detaillierte Analyse spezifischer intermedialer Phänomene erlaubt. (11) Wolf unterscheidet sechs Aspekte intermedialer Formen (12) : Erstens die an den untersuchten intermedialen Bezügen beteiligten Medien sowie zweitens die Dominanzbildung innerhalb dieser Bezüge (so nimmt ein literarischer Text eine Dominanzrelation gegenüber ihn begleitenden Illustrationen ein). Drittens lässt sich die Quantität der intermedialen Bezugnahmen erforschen: Bei einer Liedeinlage in einem ansonsten narrativ-fiktionalen Romantexts liegt eine partielle Intermedialität vor, bei der Untersuchung einer Medienkombination wie der Oper hat man es mit einem Fall totaler Intermedialität zu tun. Viertens fragt Wolf nach er Genese des jeweiligen intermedialen Bezugs sowie fünftens nach dessen Funktion (etwa Sinnstiftung, Kommunikation oder das Hervorrufen bestimmter emotionaler Reaktionen). Das wichtigste Kriterium intermedialer Bezüge, das gerade für Literaturwissenschaftler interessante Forschungsgegenstände bereitstellt, stellt für Wolf jedoch deren Qualität dar: So zeigen sich Wolf zufolge intermediale Erscheinungsformen entweder manifest oder verdeckt. Bei der manifesten Intermedialität sind die beteiligten Medien weiterhin erkennbar (wie etwa in der Verbindung von Text und Melodie in Kinderliedern), oder sie gehen eine Synthese ein, wie in der bereits erwähnten visual music. Verdeckte Intermedialität liegt vor, wenn ein Medium in ein anderes Medium aufgeht und nicht unmittelbar erkennbar ist, etwa ein literarischer Text die Strukturen von Musikstücken (13) oder filmische Techniken (14) imitiert.

Intermedialitätsforschung aus Sicht der Literaturwissenschaft

Die spezifische Konzeption des Intermedialitätsbegriffen hängt auch von dem gewählten Forschungsschwerpunkt ab. So ist im Kontext des Lehr- und Forschungsprojekts insbesondere die literaturzentrierte Erforschung der Grenzüberschreitungen zwischen Wortkunst und anderen Medien, und dabei insbesondere die Fruchtbarmachung intermedialer Fragestellungen für die Literaturwissenschaft, relevant. Die zunehmende Einbeziehung intermedialer Fragestellungen erlaubt es der literaturwissenschaftlichen Forschung zudem, eine Beschränkung auf Bezüge zwischen den sogenannten hohen Künsten Literatur, bildender Kunst und klassischer Musik zu vermeiden. So fordert der Literaturwissenschaftler Werner Wolf bereits in den 90er Jahren eine Öffnung der literaturwissenschaftlichen Intermedialitätsforschung gegenüber populären Medien wie Film oder Computer. (15)

Diese Öffnung ist umso mehr vonnöten, da auch Literatur, die explizit mit einem künstlerischen Anspruch versehen ist, sich immer häufiger in Auseinandersetzung mit anderen Medien generiert oder in Medienverbünden ausgewertet wird. So ist das literarische Werk Alexander Kluges nicht ohne Berücksichtigung seiner Arbeit als Filmemacher und Journalist begreifbar, und die Werke solch renommierter Schriftsteller wie Martin Walser oder Günter Grass wurden mehrfach für das Theater oder Kino adaptiert und lassen sich auch als von den Autoren selbst eingesprochene Hörbücher erwerben.

Die Beispiele Alfred Döblins und Alexander Kluges rücken das Phänomen in den Fokus, dass „Medien […] gegenseitig Einfluss aufeinander [nehmen] und […] sich in ihren Darstellungsformen“ (16) einander annähern – kurz gesagt: dass Medien die Strukturmerkmale anderer Medien aufgreifen. (17) So wird spätestens hier die Unterscheidung zwischen einer Medienkombination, intermedialen Bezügen sowie, als Zwischenform zwischen letzterer und dem Medienwechsel, Medienverbünden wichtig. (18)

Philipp Schmerheim

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(1) Irina O. Rajewsky: Intermedialität. Tübingen: Francke, 2002. (= UTB für Wissenschaft; 2261). S. 12.
(2) Werner Wolf: Intermedialität. In: Metzler-Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Hrsg. von Ansgar Nünning. 4. aktualisierte und erweiterte Auflage. Stuttgart: Metzler, 2008. S. 327-328. S. 327. Vgl. auch Werner Wolf 2005, S. 253.
(3) Irina O. Rajewsky 2002, S. 6.
(4) Zur Geschichte der Intermedialität vgl. auch Jürgen E. Müller: Intermedialität als poetologisches und medientheoretisches Konzept: Einige Reflexionen zu dessen Geschichte. In: Intermedialität – Theorie und Praxis eines interdisziplinären Forschungsgebiets. Hrsg. von Jörg Helbig. Berlin: Schmidt, 1998. S. 31-40.
(5) Irina O. Rajewsky 2002, S. 15.
(6) Vgl. für die folgenden Ausführungen Irina O. Rajewsky 2002, S. 15ff. und S. 157, aber auch Werner Wolf 2005 und Werner Wolf 2008.
(7) Irina O. Rajewsky 2002, S. 15, vgl. auch Margaret Mackey: Literacies across Media. New York: Routledge, 2002.
(8) Irina O. Rajewsky 2002, S. 16.
(9) Vgl. Irina O. Rajewsky 2002, S. 17 und Werner Wolf 2008, S. 327 und Werner Wolf: The Musicalization of Fiction. A Study in the Theory and History of Intermediality. Amsterdam: Rodopi, 1999.
(10) Vgl. Joachim Paech: Literatur und Film. 2. überarbeitete Auflage. Stuttgart: Metzler, 1997 (= Sammlung Metzler; 235).
(11) Für Wolf ist „intermediality research […] a logical continuation of the interest in ‚intertextuality‘“ (Werner Wolf 1999, S. 1). Dementsprechend definiert er das Phänomen als „in einem weiten Sinne jedes Überschreiten von Grenzen zwischen konventionell als distinkt angesehenen Ausdrucks- und Kommunikationsmedien“. In einem engeren, „>werkinternen< Sinne“ ist Intermedialität für Wolf eine in einem Artefakt nachweisliche Verwendung oder (referentielle) Einbeziehung wenigstens zweier Medien (Werner Wolf 2008, S. 327). Die von Wolf getroffene Unterscheidung zwischen einem weiten und engen Intermedialitätsbegriff orientiert sich an derjenigen der Intertextualitätstheorie (vgl. Ulrich Broich und Manfred Pfister 1985).
(12) Vgl. für die folgenden Ausführungen Werner Wolf 2008, sowie Werner Wolf 1999.
(13) Vgl. Werner Wolf 1999.
(14) Vgl. Joachim Paech 1997.
(15) Vgl. Werner Wolf: Intermedialität als neues Paradigma der Literaturwissenschaft? Plädoyer für eine literaturzentrierte Erforschung von Grenzüberschreitungen zwischen Wortkunst und anderen Medien am Beispiel von Virginia Woolfs The String Quartet. In: Arbeiten aus Anglistik und Amerikanistik 21 (1996). S. 85-116. S. 90.
(16) Bettina Kümmerling-Meibauer: Überschreitung von Mediengrenzen: theoretische und historische Aspekte des Kindermedienverbunds. In: Grundlagen, Beispiele und Ansätze für den Deutschunterricht (= kjl&m 07.extra). Hrsg. von Petra Josting und Klaus Maiwald. kopaed: München, 2007. S. 11-21. S. 18.
(17) Vgl. Bettina Kümmerling-Meibauer 2007, S. 18f.
(18) Zum intermedialen Erzählen vgl. auch Jörg Helbig: Intermediales Erzählen: Baustein für eine Typologie intermedialer Erscheinungsformen in der Erzählliteratur am Beispiel der Sonatenform von Anthony Burgess’ A Clockwork Orange. In: Erzählen und Erzähltheorie im 20. Jahrhundert. Hrsg. von Jörg Helbig. Heidelberg: C. Winter, 2001. S. 131-152.

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